Pöhl Stefan: Lernbiographien von ErwachsenenbildnerInnen. Lebensgeschichtliche Einbettung der erwachsenenbildnerischen Lern- und Lehrgegestände von vier Südtiroler EwachsenenbilderInnen. (Diplomarbeit) Innsbruck 1998.


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Datenerhebungsmethode narratives Interview

Das narrative Interview und dessen Auswertung liefern als Ergebnis die biographische Erfahrung des Interviewten, und zwar in weit größerem Umfang als dies durch ein standardisiertes Interview möglich wäre. Lebensgeschichtlich Erfahrung und ihre Aufschichtungen, Relevanzen und Fokussierungen sind für die Identität des “Erzählers” konstitutiv und für ihn handlungsrelevant (vgl. BOHNSACK 1991, 93). Durch die spezifische Gestaltung des narrativen Interviews wird die Zurückhaltung biographischer Erfahrung des Interviewten minimiert und der Interviewte zur Darstellung von von ihm noch relativ unreflektierter Erfahrung gebracht. So deklarierte beispielsweise der Interviewpartner M53 am Beginn des Interviews:

27 M53: Mhm ja also in meinem Leben ist ist es ganz normal
28 zugegangen, nix keine besonderen Offenbarungen gehabt (...)

Das narrative Interview förderte bei M53 dann zwar kein “unnormales” Leben zutage, aber ein differenziertes Bild seines “normalen” Lebens. Die Auswertung des narrativen Interviews erschließt die biographische Erfahrungen des Interviewten über dessen eigene biographische Reflexion, dessen biographischen Eigentheorien bzw. Alltagstheorien hinaus.

Das narrative Interview ist ein nichtstandardisiertes, in der Art der gestellten Fragen offenes Interview über selbsterlebte Ereignisse des Interviewten, also über im weiten Sinn biographische Inhalte. Die Aktivität des Interviewers beschränkt sich beim narrativen Interview auf die Anfangs- und Endphase des Interviews. In einem solchen Rahmen kann die Antwort des Interviewten verschiedene Formen annehmen, und zwar der Erzählungen von Geschichten, von Beschreibungen und von Argumentationen. Beim narrativen Interview wird durch die Interviewführung schwerpunktmäßig auf die “ Darstellungsform” (HERMANNS 1991, 183) der erzählten, zusammenhängenden Geschichten gezielt, auf die “ narrativen Sequenzen ” (BOHNSACK 1991, 95) in den Antworten des Interviewten, die in der Auswertung “ narrative Textsorten ” (ebd.) ergeben. Beschreibungen und Argumentationen, die für einen speziellen Arbeitsschritt der Auswertung zwar auch notwendig sind, sollen im narrativen Interview nur als Einlagerungen in und als Zusätze zu erzählten Geschichten vorkommen, das ergibt die “ Dominanz der Erzählstruktur ” (HERMANNS 1991, 183). Nur solcherart gewichtete Antworten des Interviewten werden von KALLMAYER und SCHÜTZE (nach ebd., 183) als “ Narrationen” bezeichnet [7]. Argumentationen dienen dem Interviewten zur eigentheoretischen Plausibilisierung von Zusammenhängen, Beschreibungen dienen ihm zur Darstellung von inneren Zuständen und äußeren Gegebenheiten, und in den erzählten Geschichten bringt er den “ Entwicklungsprozeß des Erzählgegenstandes” (ebd., 184) wie folgt zum Ausdruck.

“In solchen Erzählungen wird vergangene Erfahrung rekonstruiert und in einen Zusammenhang gebracht. Aus der gegenwärtigen Erinnerung wird die Entwicklung des Stromes (vergangener) Ereignisse dargestellt: Es wird zunächst die Ausgangssituation geschildert (‚wie alles anfing‘) und es werden dann aus der Fülle der Erfahrungen die für die Erzählung relevanten Ereignisse ausgewählt und als zusammenhängender Fortgang von Ereignissen dargestellt (‚wie sich die Dinge entwickelt haben‘), bis hin zur Darstellung der Situation am Ende der Entwicklung (‚was daraus geworden ist‘).” (ebd., 183)

Das Erzählen von Geschichten entspricht der Stehgreiferzählung, also jener Erzählsituation, die für den Alltag typisch ist. Das Vorgehen in einer Stehgreiferzählung basiert auf einer Erzählkompetenz wie wir sie intuitiv beherrschen. Diese Erzählkompetenz verläuft entlang den “ Regeln der Alltagserzählung ” (BOHNSACK 1991, 93), die als “Zugzwänge des Erzählens” (KALLMAYER / SCHÜTZE nach ebd., 94) bezeichnet werden: Gestaltschließungszwang, Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang und Detaillierungszwang.

“Diese reproduzierende Darstellung bereits abgelagerter und theoretisch-reflexiv weniger überformter Ebenen der Selbstdarstellung verleiht seiner Erzählung eine Selbstläufigkeit, aus der er - hat er sich einmal darauf eingelassen - nur auf Kosten von Brüchen und Inplausibilitäten, also Inkonsistenzen, wieder ausbrechen kann.” (ebd., 93)

Während mit Gestaltschließungs-, Relevanzfestlegungs-, und Kondensierungszwang vor allem die Kompetenz zur Bewältigung der Erzählung eines Ereigniszusammenhanges in prinzipiell begrenzter Zeit gemeint ist, kommen durch den Detaillierungszwang Ereignisse zur Sprache, die in einem nicht-narrativen Interview nicht angesprochen worden wären (Handlungs-, Entscheidungs-, und Verlaufsmuster). Mißachtet der Erzähler diese Regeln der Alltagserzählung, werden in der Erzählung formale “ Inkonsistenzen” (ebd., 93) sichtbar und in der Auswertung analysierbar.

“In einer Stehgreiferzählung wird der Erzähler also, da er den Aufbau seiner Erzählung nicht reflektiert, sondern ihn intuitiv vollzieht, aufgrund der Selbstläufigkeit des Erzählvorgangs in die ‚Zugzwänge des Erzählens‘ ‚verwickelt‘ oder ‚verstrickt‘ (SCHÜTZE ...). Dies trägt entscheidend dazu bei, daß in der Stehgreiferzählung eine Eigendynamik sich entwickelt, in der (...) von der situativen Selbstdarstellung relativ unabhängig, für die Identität des Erzählers fundamentale Ebenen bereits abgearbeiteter Erfahrungen freigesetzt werden – und dies gerade in jenen Sequenzen, die nicht theoretisch-reflexiv überformt sind, also in den rein narrativen Sequenzen.” (ebd., 94)

Diese identitätskonstitutiven Erfahrungen werden nach einer “ Homologie der Erzähl- und Erfahrungskonstitution ” (BUDE nach ebd., 93) in der Erzählung in jener Aufschichtung , jenen Relevanzen und Fokussierungen reproduziert, wie sie der lebensgeschichtlichen Erfahrung des Interviewten entsprechen.

“(...) Grundannahme (...) daß der Erzähler seine Lebensgeschichte so reproduziert, wie er sie erfahren hat, also die lebensgeschichtliche Erfahrung in jener Aufschichtung, in jenen Relevanzen und Fokussierungen reproduziert, wie sie für seine Identität konstitutiv und somit auch handlungsrelevant für ihn sind.” (ebd., 93)

Der Sinn für die angestrebte Dominanz der Erzählstruktur im narrativen Interview liegt also darin, zuerst einmal diese lebensgeschichtliche Erfahrung des Interviewten zu rekonstruieren. Erst im Bezug auf diese lebensgeschichtliche Erfahrung werden die Argumentationen des Interviewten – im weitesten Sinn biographische Eigentheorie – verstehbar.

“Ein Vergleich von Ergebnissen der formalen und inhaltlichen Textstrukturanalyse und den Eigentheorien der Interviewpartner, mit denen der Erzähler sich selbst den Fortgang der Geschichte erklärt, zeigt meist, daß die Menschen sehr viel mehr von ihrem Leben ‚wissen‘ und darstellen können, als sie in ihren Theorien über sich und ihr Leben aufgenommen haben. Dieses Wissen ist den Informanten auf der Ebene der erzählerischen Darstellung verfügbar, nicht aber auf der Ebene der Theorien. Dem Forscher, der eine Lebensgeschichte analysiert, ist es dagegen möglich, auch diejenigen Aspekte der erzählten Lebensgeschichte durch analytische Abstraktion einer Theoretisierung zugänglich zu machen, die den Betreffenden zum Zeitpunkt des Interviews in ihrer Eigentheorie nicht verfügbar waren (Schütze, 1987). Das narrative Interview liefert so reichhaltigere Daten als Befragungsformen, die ausschließlich an die Alltagstheorien der Befragten gebundenes Wissen erheben (Riemann, 1987; Heinmeier & Robert, 1984).” (zitiert nach HERMANNS 1991, 185)

Die biographischen Alltagstheorien der Interviewten werden schließlich vom Interviewer in der Interviewauswertung auf einem Niveau elaborierterer Theoriebildung, der wissenschaftlichen Theorie analysiert. Alltagstheorien entstehen aus der Orientierungs- und Handlungsnotwendigkeit heraus für die unmittelbare Anwendung im Alltag, wissenschaftliche Arbeit ist von diesem Handlungsdruck befreit und untersucht den Gegenstand vielseitiger, in seinem Konstruktcharakter und mit größerer Reichweite (vgl. HIERDEIS / HUG 1992, 90-94).

Interviewführung

Dem eigentlichen Interview vorgeschaltet ist die von BLAUMEISER sogenannte Kontakt- und Kontrakt-Phase . Um den Kontakt zu potentiellen Interviewpartnern herzustellen sind entsprechende Strategien auszuarbeiten. Im ausgesprochenen oder unausgesprochenen Kontrakt sind die gegenseitigen Erwartungen festzulegen, auf Seiten des Interviewers gilt es dabei vor allem klarzustellen, daß mit dem Interview keine Gegenleistung des Interviewers verbunden ist und daß der Kontakt sich nicht über das Führen des Interviews hinaus erstrecken wird [8]. Teil der Kontrakts ist es auch, den Anonymisierungsgrad der veröffentlichten Interviews zu vereinbaren und eventuelle Veröffentlichungsberechtigungen einzuholen. Der Kontakt mit dem Interviewten ist dann vorzeitig zu lösen, wenn der Interviewverlauf im Sinne des narrativen Interviews unfruchtbar ist (Bsp: nur argumentative Erzählung); Sympathie und Antipathie zwischen Interviewtem und Interviewer können hier manchmal ausschlaggebend sein.

Bei der Gestaltung des Interviews plädiert BLAUMEISER für das sogenannte “ Prinzip der Offenheit ”. Dementsprechend soll die Registrierung des Gesprächs nicht heimlich, versteckt oder unauffällig geschehen, sondern von Beginn des Treffens an mit auf dem Tisch liegendem Aufzeichnungsgerät.

In seiner Abfolge kann das narrative Interview als eine Abfolge von Phasen dargestellt werden (vgl. HERMANNS 1991, 184): In der Anwerbungsphase wird eine Person gefunden, die zu einem Interview bereit ist – BLAUMEISER nennt diese Phase die Kontakt- und Kontrakt-Phase –, dieser Person wird die Art der Antworten erklärt, die man von ihr haben möchte, und es wird die “erzählgenerative Anfangsfrage” (HERMANNS 1991, 183) an sie gestellt. In der Einstiegsphase beginnt der Interviewte mit seiner Erzählung, in der Hauptphase ist der Interviewer in der Rolle des Zuhörers, in der Nachfragephase wird der Interviewte nach dem Interviewer noch unklar Gebliebenen gefragt. Ist das “narrative Potential” (ebd., 184) ausgeschöpft, wird in der abschließenden Bilanzierungsphase gezielt nach Eigentheorien des Interviewten gefragt. Die Zurückhaltung des Interviewers in der Hauptphase soll so weit gehen, daß selbst alle Unklarheiten in der Erzählung des Interviewten erst in der Nachfragephase geklärt werden. Speziell jegliche Form der Bewertung der Äußerungen des Interviewten sollen unterbleiben. Bei einem derartigen Ablauf eines Interviews liegt es am Interviewer, verstärkt vor Beginn der Erzählung des Interviewten diesen zur Produktion jener Art von Antworten, d.h. von Narrationen, zu bewegen, die für das narrative Interview gewünscht sind. Dem Interviewten muß klar sein, daß er um die Erzählung einer zusammenhängenden Geschichte von Ereignissen, die einen bestimmten Gegenstandsbereich betreffen, gebeten ist, nicht um eine Aufzählung, eine Beschreibung oder gar um die argumentative Diskussion mit dem Interviewer. Dem Interviewten muß auch klar sein, daß während der Hauptphase nur er sprechen wird, daß er jene Details erzählen darf und soll, die gerade ihm wichtig sind, und daß ihm ein genügend großer Zeitrahmen (1,5 Stunden) für seine Erzählung zur Verfügung steht. Es sollen also die intuitiven Erzählkompetenzen des Interviewten, sein “ Erzählschema” (SCHÜTZE nach BOHNSACK 1991, 95) vom Interviewer ungestört freigesetzt werden.

In Modifikation des Standards des narrativen Interviews plädiert Sigrid NOLDA (vgl. 1996, 86ff), beim Erheben von Lernerfahrungen mit dem narrativen Interview für einen emphatischen Interviewstil, um nicht-existentielle und tendenziell erzählresistenten Lernerfahrungen auf die Spur zu kommen. Durch den empfohlenen Wegfall der Abstinenzregel, d.h. durch ein Austauschen von Gemeinsamkeiten, kann ein Abbrechen der Erzählung des Interviewten abgefangen werden. Eine solche Interviewführung verlangt allerdings bei der Auswertung des Interview eine Mitberücksichtigung der Fragen und Reaktionen des Interviewers und der gesamten Beziehung von Interviewtem und Interviewer auf der Basis einer präzisen Transkription.

Sonderfall lebensgeschichtliches Gespräch

Im Rahmen dieser Arbeit wurde der Interviewtyp “lebensgeschichtliches Gespräch” angewandt, der einen Sonderfall des narrativen Interviews darstellt, indem nämlich das Thema dieses Interviews nicht ein spezifisches, meist nur auf einen Teil der Biographie bezogenes Themas ist, sondern die Biographie selbst betrifft. Das Ziel des lebensgeschichtlichen Gesprächs ist die möglichst lückenlose Rekonstruktion der Lebensgeschichte, welche die Basis für die (zu operationalisierenden) Fragen des nachfolgenden thematischen narrativen Interviews bilden. Bezogen auf die fünf biographischen Ansätzen nach BLAUMEISER, entspricht das lebensgeschichtliche Gespräch dem lebensgeschichtlichen Ansatz. Mit dem methodischen Instrument der Zeitleiste kann in der Nachfragephase des lebensgeschichtlichen Gesprächs, nachdem die Erzählung des Interviewten entlang ihrer Relevanzen (Hauptphase des narrativen Interviews) zu einem Ende gekommen ist, nach den noch unerwähnt gebliebenen Zeitabschnitten in der Biographie des Interviewten gefragt werden, was eine dem chronologischen Ansatz der biographischen Methode entsprechende durchgehende Biographie des Interviewten ergibt. Laut BLAUMEISER dominiert im lebensgeschichtlichen Gespräch die Darstellungsform der Beschreibung, während Geschichten weniger häufig als in einem themenspezifischen narrativen Interview vorkommen.
Praxis: Erfahrung und Reflexion
Im Zuge dieser Arbeit wurden dann allerdings aus zeitökonomischen Gründen keine themenzentrierten narrativen Interviews mehr durchgeführt.

Eine auf die Einstiegsphase des narrativen Interviews bezogene Erfahrung kristallisierte sich für mich schon nach dem zweiten geführten Interview (mit M53) heraus: Am Beginn des Interviews steht notwendigerweise eine Phase der Unsicherheit bei Interviewtem und Interviewer, eine Phase der Beziehungsaushandlung und der Vertiefung des “Kontakts”. Diese Beziehungsaushandlung geschieht kaum auf verbalem Weg, sondern auf nonverbalem, denn die Erzählung der Interviewten hat dessen Biographie zum Inhalt und nicht die momentane Beziehung Interviewter - Interviewer. Im Blickkontakt, im Erzählton usw. manifestiert sich allerdings diese anfängliche Unsicherheit und Beziehungsdefinition. Besonders auffällig war das beim Interview mit M53, dem ich entgegen dem Ratschlag von BLAUMEISER beim Interview frontal und nicht seitlich gegenübersaß. Die Einstiegsphase des Interviews war dominiert von einem Vermeiden des gegenseitigen Blickkontakts, was sich erst allmählich zu einem offenen Blickkontakt hin veränderte. Diese Unsicherheitsphase ist es mir gelungen, als Teil des Interviews zu akzeptieren. Einen Erklärungsansatz für diese Beziehungsaushandlung liefert Rudolf EGGER, mit der “Unvollständigkeit der Wissenschaftlerrolle” die die Notwendigkeit mit sich bringt, daß die soziale Rolle des Forschers erst im Forschungsprozeß ausgehandelt werden muß, ebenso wie die solidarische Kooperation zwischen Interviewer und Erzähler stets sozial und emotional ausgehandelt werden muß (vgl. EGGER 1995, 18).

Die einmal nach der Einstiegsphase erreichte Beziehung Interviewer-Interviewter ist aber nach meiner Erfahrung im weiteren Verlauf des Interviews nicht unbedingt gleichbleibend, sondern unterliegt weiterhin Veränderungen. Hier ist wieder M53 ein markantes Beispiel: So etwa zu Beginn der Nachfragephase, als schon biographischer Kommentar und Argumentation in der Erzählung von M53 dominant wurden, beschlich mich der Eindruck, M53 erzähle jetzt nicht aus seinem Leben, sondern er richte seine Erzählung speziell an mich, um mir mit dem Erzählen etwas verdeckt mitzuteilen, von dem ich aber nicht erkannte, was es sein könnte.

Gute Erfahrungen machte ich mit der von BLAUMEISER empfohlenen Abschlußfrage im Interview, ob der Interviewte zum Gesagten abschließend noch etwas hinzufügen wolle. Besonders M42 lieferte auf diese Frage hin quasi eine Essenz seines Lebens (M42, ab Zeile 979), die sich als Bestätigung meiner Interpretation vorhergehender Interviewteile herausstellte.

Eine Reflexion der einzelnen Phasen meiner Interviewpraxis ergibt folgende Selbstbewertung: Zufriedenstellend sind für mich verlaufen: Die Kontakt- und Kontrakt-, die Einstiegsphase (mit akzeptierter Unsicherheit darin), das Aushalten von Pausen der Interviewpartner (BLAUMEISER: Pausen verlängern!). Weniger zufriedenstellend sind die Nachfragephasen bzw. das Einhalten der “Abstinenzregel” verlaufen: Das Verwirrende an W39’s Biographie verleitete mich zum Nachfragen - und sogar Bewertungen brachte ich ein. Direkt hingerissen zur Bewertung wurde ich bei M53 von einem inneren Bild von M53’s Biographie, bzw. dem Bedürfnis die Erzählung des Interviewten diesem meinem Verständnis zu subsumieren. Diese nachträglich erkannte Verdeckung der Relevanzen in der Erzählung von M53 und die daraus entstandene vorsätzliche Zurückhaltung beim nächsten Interview, nämlich mit M42, deckte sich dann mit der großen Gesprächigkeit von M42. W54 war ebenfalls relativ gesprächig, meine Intervention war daher gering. Hier einige Beispiele für das Vernachlässigen der “Abstinenzregel”, ein Vernachlässigen, das natürlich immer nur aus dem Gesamtzusammenhang des Interviews als solches zu bewerten ist und besonders von möglichen Bilanzierungen in Diskussionsform am Ende des Interviews (Bilanzierungsphase) zu unterscheiden ist - bei W39:

299 I: Das heißt, du hast jetzt angedeutet, das ist etwas, das nur du
300 kannst, sagen wir du hast hier deinen
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328 I: Ich habe mir gedacht, ich möchte nachfragen, aber da ist, ähm,
329 da sind so dichte Sachen, weißt es ist so dicht da (auf Zeitleiste
330 dicht gedrängte Lebensereignisse) gel, ähm
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359 I: Mhm .. das war für dich ziemlich wichtig, gel
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380 I: Und achtundsechzig hat dich in die [Gegend 2] geführt, wenn ich es
381 jetzt ganz, ganz stark vereinfache

Und bei M53:

674 I: Also ich höre äh, die das äh den Terminus Entscheidung
675 M53: Mhm
676 I: Den hören ich da vom Übergang von der Staatsmatura im
677 Priesterseminar drinnen ist dann der Terminus immer wichtiger
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684 I: Ab wann ist die so richtige Lust an der Entscheidung .
685 M53: Ob ob die Lust da ist?
686 I: Nja ab ab wann wann wo wo
687 M53: Ja
688 I: Fängt diese Lust an der Entscheidung an, da war .
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694 I: Und heute wo sie entscheiden . aber das ist jetzt eigentlich

Rudolf EGGER spricht von starker Betroffenheit und sogar Krisen, in die unerfahrenen Forscher in der Anwendung des narrativen Interviews mitunter geraten können. Man denke nur an die Erzähl- und Gestaltschließungszwänge in denen der Erzählende steht, die aber auch den Interviewer unvorbereitet in ungewohnte soziale Kontexte bringen können (vgl. EGGER 1995, 17). Solchen Phänomenen war ich nicht ausgesetzt, die Interview-Vorerfahrung, die ich durch die Lehrveranstaltung von BLAUMEISER bereits erworben hatte, und das nicht gerade außergewöhnliche Milieu, dem die von mir Interviewten angehören, mögen dazu beigetragen haben. Die Persönlichkeiten mancher Interviewpartner hat mich dann allerdings doch aus der “Abstinenz” herausgelockt.



[7] HERMANNS verwendet den Begriff “Narration” zur Beschreibung der Qualität des Interviews, für die Zusammensetzung nach den auswertungsrelevanten Bestandteilen Geschichten, Beschreibungen und Argumentationen, während BOHNSACK “narrativ” für Teile des Interviews bzw. des Textes verwendet: “narrative Sequenzen” und “narrative Textsorten”.
[8] Siehe dazu auch den “Brief an einen Erwachsenenbildner” im Anhang.



©  1998


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