"hier und dort: Osten" - lebensgeschichtliche Zugänge

(Wien und "Osten", 2003 - 2013)

Ausgangspunkt, Entwicklungen



Im Jahr 2001 zog ich von Innsbruck nach Wien um. Schon vorher war ich öfters zu Besuch in Wien, das damals aber vor allem ein Ort der größeren Möglichkeiten für einen Jugendlichen war, "Großstadt" eben, ein Ort, der auch durch seine mediale Ausstrahlung geprägt hatte. Mit dem Umzug und dem Entschluss, in dieser Stadt zu Leben, rückten für mich neue bisher nicht relevante Dinge in den Vordergrund: Erstens, dass Wien als eine Stadt in der Deutsch gesprochen wird, sehr weit im Osten liegt. Geographisch gesehen ist Östösterreich ja eine Ausbuchtung des deutschen Sprachraumes, die umgebeben ist von lauter anderen mir unbekannten Sprachen (anders als meine ursprüngliche Heimat Südtirol, die nicht nur an, sondern direkt auf einer Sprachgrenze liegt - nur, die dortige zuerst fremde Sprache beherrsche ich). Und zweitens, dass dieser "Osten", d.h. die Staaten des ehemaligen Ostblocks, nur 50 km hinter dieser Stadt an der Staatsgrenze beginnt. Und für das, was da beginnt, hatte ich einfach keine Vorstellung (unabhängig von der Tendenz hierzulande bei den nicht-jüngeren Generationen, den Eisernen Vorhang als Vorstellung nicht aufzugeben). Es war für mich irgendwie, als ob hinter diesen 50 km bis zur Staatsgrenze nichts wäre, nur Tundra und gleich dahinter Moskau und Peking.

Ich habe mich nun ab 2003 dazu aufgemacht, diese angrenzenden Länder des Ostens zu erkunden, und zwar nach der mir vertrauten lebensgeschichtlichen Methode: Indem ich Menschen finde, die früher im Osten lebten und dann nach Wien übersiedelten, gleich wie ich also dort und hier lebten und leben, indem diese Menschen lebensgeschichtliche interviewe und mit dieser Erzählung ausgestattet dann deren ehemaligen Lebensorte besuche (siehe die Seite "Orte: Hinterland / Osten"). Und es wurde im Laufe der Beschäftigung klar: Es ist dieses Leere und völlig Unbekannte des Ostens, das ihn für diese aufwändige Erarbeitung eines Zugangs attraktiv macht, ein Zugang der dann aber in Vertrautheit, Sicherheit und Bekanntheit erfolgen kann.

Hineingenommen in diese Erkundung des Ostens wurden ab 2005 auch noch passende Ausschnitte aus Lebensgeschichten, die ich bei der Durchführung des Projekts "Beteiligung durch Erinnerung" im Jahr 2000 eingeholt hatte und an die ich mich jetzt wieder erinnerte. Weiters habe ich hineingenommen jenen Teil der Geschichte meiner väterlichen Herkunftsfamilie, während dem diese im Kontext der "Option" der Südtiroler für zwei Jahre im heutigen Slowenien gelebt hat. Von Wien aus liegt dieser Ort ja viel näher als von Südtirol aus und wenn ich nun schon einmal da bin und mich eh für den Osten interessiere, kann ich ja auch hinfahren. Mit diesen beiden Ausweitungen hat sich neben Wien also auch Südtirol als ein relevanter Ort in "hier und dort: Osten" etabliert. Auch der Beginn dieses Projekts ist damit eigentlich viel früher anzusetzen.

Die weitere Entwicklung geht dahin, dass 2 Jahre nach Beginn dieses Projekts und einigen Besuchen im "Osten" nun auch "der Westen" von Wien aus für mich ins Blickfeld rückt und ich die Lebensorte der Interviewten dort zu besuchen beginne: Orte im Waldviertel, im Salzkammergut, in Deutschland, Belgien und Luxemburg.

Ursprünglich war geplant, weitere konstrastierende Lebensgeschichten für die Erkundung des Ostens dazuzugewinnen. Unterschiedliche generationale Lagerungen und unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten der InterviewparterInnen sollten mir ein mehr als eindeutiges Bilde eines Landes einbringen (vergleiche Projekt "Beteiligung durch Erinnerung": deutschsprachige und italienischsprachige Seniorengruppen in Südtirol). Allerdings ist mein Interesse am Osten dann abgeklungen. Das mag unter anderem zu tun gehabt haben mit dem Ende der Beziehung zu meiner damaligen Lebenspartnerin, die mit mir das Interesse an Orten geteilt hat, an der Kategorie des Ortes. Den Abschluss fand dieses Projekt für mich dann 2013 mit meinem Besuch am Bogner-Hof in Riffian im Kontext meiner Familienforschung - just also mit meinem erstmaligen Besuch jenes Orts, der am Beginn des Themas Migration in der Herkunftsfamilie meines Vaters steht.

Bedanken möchte ich mich bei meinen InterviewparterInnen und sicherheitsgebenden VermittlerInnen neuer Orte.



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