"hier und dort: Osten" - lebensgeschichtliche Zugänge

Dr. Gustav Rose: Tschechien ... Wien




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Zeitleiste: Zeitgeschichte und äußere Biographie

Die Links führen zu den entsprechen Transkript-Teilen weiter unten.

ZEITGESCHICHTE
von Tschechien und Österreich (A)
Interventionen der Zeitgeschichte in die Biographie
ÄUSSERE BIOGRAPHIE / LEBENSLAUF
von Dr. Gustav Rose
Orte
   
EU-Beitritt der CR 2004  
2003 67 lebensgeschichtliches Interview, gegeben an Stefan Pöhl am 26. Feber, Reise nach Rumänien im April
2002  
2001 65 zweijährige Treffen der Schwarzenthaler in Bayern / Deutschland
2000  
NATO-Beitritt der CR 1999  
1998 62 jährliche ausgiebige Eisenbahnreise: Finnland, St. Petersburg
Organisation von Bahnfahrten vor allem in den Osten: Sofia, Bukarest, Ungarn, Lemberg, Berichte über das Riesengebirge
1997 61 Reise: 3 Wochen Schottland
1996 60 Pension, Scheidung von Frau
EU-Beitritt von A 1995  
zunehmende Globalisierung 1994 58 Trennung von Frau
einvernehmliche Teilung von Tschechien und Slowakei: CSFR --> Tschechische Republik (CR) 1993  
1992 56 Finanzvorstand von Elin-Teilfirma
1991 55 Teilung von Elin
CSSR -- > Tschechische und Slowakische Föderative Republik (CSFR) 1990  
"Samtene Revolution" 1989  
1988 52 durch ITT-Kollege und Elin-Generaldirektor: Mit-Gestalter der Elin-Teilung
1987  
1986 50
1985  
1984  
Ende der "Kreisky-Ära" in A 1983  
1982  
1981  
1980 44 2.) durch ITT-Aufsichtsratvorsitzenden und Generaldirektor der Kreditanstalt: Prokurist und Geschäftsführer in "kleinerer Semperit-Firma" in Wien, Mitgestaltung des Teilungsprozesses der Firma Semperit
1.) AKH-Gerichtsverfahren
1979  
1978  
1977  
1976 40 ITT-Vorstand des Finanzwesens
Beginn von Krisenphase und Umgestaltungen in verstaatlichter Industrie in A 1975  
1974  
"Ölkrise" 1973 37 Wien
1972  
1971  
Beginn der "Kreisky-Ära" in A 1970 34 Financial Analyst in ITT-Konzernzentrale in Brüssel und "3 Tage/Woche nicht in Brüssel", "wenig Leute in dem Alter, die diese Möglichkeit hatten", * Sohn 2
1969  
"1968"; Ende des "Prager Frühlings" in der CSSR 1968 32 * Sohn 1
1967  
1966 30
1965 29 Heirat
1964  
1963  
1962  
1961  
CSR --> Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) 1960 24 2.) durch OBB-Generaldirektor: ITT-Generaldirektor-Assistent und Planungswesen-Leiter: Wien, öfters auch in: Brüssel und europäischen Hauptstädten
1.) Abschluss Hochschule für Welthandel mit Diplomkaufmann und Dr.
1959 23 Diplomarbeit: "Lenzing, Industriezentrum und Lebensraum", daraus Doktorat
1958 3 Sommer lang 1 Monat in Lenzing in der Bauaubteilung gearbeitet, "im 2. Monat immer unterwegs, ich war schon damals so ein Kosmopolit", Autostopp: BrieffreundInnen in Finnland, Athen, Lyon, Dänemark, Paris besucht
"Wirtschaftswunder der Fünfziger" in A 1957  
1956 20
Österreichisher Staatsvertrag, Ende der Besatzung / Besatzungszonen, Neutralität
"Kalter Krieg", Grenze zwischen CSR und A ist "Eiserner Vorhang" 1955
19 wegen Beruf des Vaters Hochschule für Welthandel in Wien, am Währinger Park
1954 18 3.) Matura
2.) Reise, zelten: Tirol, Reschenpass, Iesolo, "schöner Abschluss dieser Jahre"
1.) "Kaiser von Amerika" in 8. Klasse aufgeführt in: Stadttheater Gmunden, Stadtkino Vöcklabruck, Lenautheater in Ischl
1953 17 2 Mal Wien: Schülerheim in Hadersdorf, Theater, Oper, mit Schiff nach Melk
1952  
1951  
1950 14 Schulausflüge in 5. Klasse: Hallstätter See, Traunsee, Traun entlang, Hinterstoder, Gebirgswanderung
1949 13 Lenzing, Gmunden: Gymnasium
Sieg der Kommunistischen Partei in der CSR 1948 Mittelschule: Fahrpläne von ganz Österreich neu geschrieben
1947 11 4.) Heidenreichstein, Schulbeginn im Gymnasium in Waidhofen an der Thaya
3.) 2 Tage in Wien
2.) ein paar Tage in München
1.) August, in Böseckendorf über die Russich-Englische Zonengrenze, in Nordheim in die Amerikanische Zone
(Vater wird aus französicher Gefangenschaft entlassen)
1946 10 im Sommer bei Großmutter in Gera, Holzsammeln bei Buchenwald, Russen, mit Handwagen nach Weimar
Ende Zweiter Weltkrieg (Mai), Wiederaufnahme der CSR, Vertreibung der Sudetendeutschen 1945
Besatzungszonen in D und A
9 August: Berlstedt/Weimar
Juli: Vertreibung, Hohenelbe, Kohlezugfahrt, Reichenberg, Zittau, Halle
1944  
1943 7 Schwarzenthal, Haus der Großmutter, 2 Schulklassen, Bauden, Lauterwasser
(Vater in Krieg)
1942  
1941 5 Prag, erste Erinnerungen
1940  
CSR -- > NS-D-Reichsprotektorat Böhmen und Mähren (März), Slowakei erklärt die Unabhängigkeit, Beginn Zweiter Weltkrieg (September) 1939  
Sudetenkrise, Münchner Abkommen 1938  
1937  
1936 0 * Hohenelbe, Schwarzenthal
  Vater aus dem Adlergebirge
Mutter aus Schwarzenthal
   
Habsburger Monarchie -- > Tschechoslowakische Repupblik (CSR) + A + weitere Nationalstaaten 1918  
  (Onkel Franz war Westbahnhof-Vorsteher in Wien schüttelte dem Kaiser Franz-Josef die Hand)




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Teil-Transkript des lebensgeschichtlichen Interviews vom 26. Februar 2003

Die folgenden Interviewpassagen sind von meinen Zwischen- und Verständnisfragen als Interviewer bereinigt, ansonsten aber wortgetreu. Im März 2004 wurde das Interviewtranskript von Dr. Rose in einigen Details korrigiert (Schreibung von Namen usw.) und mit einem Text (über Berlstedt, Gera, Heidenreichstein, Waidhofen an der Thaya) ergänzt. Die Links in den Überschriften führen zu den Homepages der genannten Orte.


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Schwarzenthal (Cerny Dul), Hohenelbe (Vrchlabi)

1936 - 1941 = 0 - 5

"Geboren bin ich in Hohenelbe am dreizehnten Januar neunzehnhundertsechsunddreißig. Das ist eine kleine Stadt mit zwölftausend Einwohnern am Oberlauf oder fast an der Quelle der Elbe, daher heißt's auch Hohenelbe, weil dort im Kreis Hohenelbe, nämlich im Gebirge das ein bisschen weiter oben ist, entspringt die Elbe, also Hohenelbe. Dort bin ich auf die Welt gekommen. Mein Vater war Textilkaufmann in einer Textilfabrik in der Nähe von Hohenelbe, er stammt aber aus dem Adlergebirge, ist dort zugewandert, weil er im Gymnasium im Arnau, das ist der Ort wo mein Vater dann gelebt hat, gelernt hat, und dann ist er dort geblieben in der Textilfabrik als Textilkaufmann. Meine Mutter stammt aus einer Bauernfamilie aus Schwarzenthal, das ist eigentlich der Ort, der für mich die Heimat meiner Jugend ist und wenn mich jemand frägt heute "Wo ist eigentlich Ihre Heimat?", ich war ja nur bis zum neunten Lebensjahr dort, ja, dann komme ich immer wieder darauf zurück: meine Heimat, wo ich mich innerlich am nächsten fühle, ist eigentlich Schwarzenthal. Also dieses Dorf, in dem meine Eltern dann mit mir gelebt haben, also dort bin ich bei meinen Eltern aufgewachsen ..."

1943 - 1945 = 7 - 9

"In Schwarzenthal haben wir dann im Haus meiner Großmutter gelebt, dort bin ich in die ersten zwei Klassen Volksschule gegangen, bis im Jahre neunzehnhundertfünfundvierzig, im Juni neunzehnhundertfünfundvierzig die Vertreibung unserer Familie eingetreten ist. Und diese zwei Jahre waren eigentlich prägend für meine ganze Lebenserinnerung, Schwarzenthal der Ort mit tausend Einwohner wo man sich kennt und wo man auch hingekommen ist, immer als der gekannt wurde der man ist, "der Gustl vom Rose" und so weiter hat's geheißen, wo man überall eingeladen war, wo wir herrliche Winter verlebt haben, das vermisse ich ja hier, meterhoher Schnee dort gewesen und der Ort Schwarzenthal liegt in einem engen Tal und von dort aus gehen sehr steile Wege in die Gebirgsregion des Riesengebirges hinauf. Ein Teil des Ortes war ja im Gebirge oben, das waren die sogenannten Bauden, hießen die bei uns, das sind so Berggasthöfe, in diesen Bauden da sind wir immer im Winter mit dem Schlitten dort hinaufgegangen und haben dort Tee getrunken, immer Bekannte aus dem Ort Schwarzenthal getroffen und sind dann mit unseren Rodeln vier Kilometer wieder ins Dorf zurückgerodelt, wenn viel Schnee war, sind wir sogar ins nächste Dorf hinunter nach Lauterwasser. Also das sind wirklich tragende Erinnerungen, die ich an den Ort Schwarzenthal habe.
[Schwarzenthalertreffen]
Und, wir treffen uns, die Schwarzenthaler treffen sich jedes zweite Jahr, irgendwo in Deutschland, meistens in Bayern, dort wohnen die meisten. Da kommen so hundertfünfzig würd ich sagen, hundertfünfzig Schwarzenthaler im Alter zwischen sechzig und neunzig zusammen, da kommt der Bock-Fritz und die Müller-Toni, Leute die zum Teil mit uns verwandt sind und mit denen man halt ein bisschen plaudert, die natürlich viel mehr erzählen können als ich, die können erzählen, wie's neunzehnhundertzwanzig war, wie die Tschechen gekommen sind, wie der Hitler kam und so weiter. Da höre ich gerne zu weil mein Leben beginnt erst hier [auf Zeitleiste], aber die Vergangenheit des Ortes ist natürlich eine, die bis fünfzehnhundertfünfzig zurückgeht, fünfhundert Jahre. Die Leute, die dort sitzen, können zumindest achtzig Jahre zurückblicken.
[Vertreibung]
So, dann kam diese furchtbare Auswanderung, die Vertreibung. Wir waren ja, meine Familie waren ja Österreicher und es hat immer geheißen, deutsches Eigentum ist Staatseigentum und die Deutschen, die hier leben sind Verräter, weil sie den tschechoslowakischen Staat an Hitler verraten haben, indem sie dem zugejubelt haben, die müssen weg und österreichisches Eigentum ist Privateigentum, die Österreicher die dürfen nach Österreich auswandern. Wir kamen dann ins Lager, nach Hohenelbe in ein Lager und meine Mutter hat gesagt, "Das ist ja ein Fehler wir sind ja Österreicher" und ist dann zum Narodni Vybor, das ist der Staatssicherheitsdienst, der hieß so, "Das ist ein Fehler, ein Irrtum, wir sind ja Österreicher". Und der hat dann telefoniert mit Schwarzenthal mit dem Gendarm, der vor'm Hitler und dann wieder in Schwarzenthal war und der hat irgendwas gesagt und dann hat er gesagt: "Sprechen Sie Deutsch, müssen Sie weg". Das ganze Vertreiben hat so begonnen, dass eines Nachmittags im Juli neunzehnhundertfünfundvierzig ein Gendarm kam und sagte: "Ja, sie müssen den Ort verlassen, sie müssen", ich glaub "in zwei Stunden", hat er gesagt, "in zwei Stunden müssen Sie beim Gemeindeamt sein und Sie dürfen mitnehmen dreißig Kilo Gepäck pro Person und hundert Mark". Und meine Mutter und meine Tante, die zu dem Zeitpunkt bei uns war, waren schon vorbereitet, weil wir waren nicht die ersten, meine Großmutter ist schon einen Monat vorher drangekommen. Wir hatten schon unsere Sachen gepackt und der hat uns dann noch einen Zettel übergeben, da sind alle Dinge draufgestanden, soweit ich mich erinnern kann ist draufgestanden, dass wir die Wohnung im gereinigten Zustand überlassen mussten, dass die Betten frisch überzogen sein mussten und dass der Schlüssel beim Narodni Vybor abzugeben war. Schmuck gab es sowieso keinen mehr offiziell, denn da musste man ja schon vorher alles abliefern, so war das Ganze geregelt. Der Narodni Vybor ist das Gemeindeamt. Absperren, den Schlüssel dort abgeben, dort hat man sich auch versammelt. Die hatten dann so Pferdefuhrwerke, so Leiterwägen organisiert, da sind dann alle Leute, so fünfzig sechzig Leute vielleicht dann auf die Leiterwägen drauf gekommen und dann sind die Leiterwägen halt zehn Kilometer nach Hohenelbe gefahren. Auf dem Leiterwagen war, kann ich mich erinnern, war also ich, dann war meine Mutter, mein Vater war im Krieg, da haben wir gar nicht gewusst, wo er ist, ich meine Mutter und meine Tante, die Tante Hofer. Das war ein besonders tragischer Fall, die Tante Hofer war nämlich Fabrikantin, die hatte eine Papierfabrik gehabt und in einer Villa gewohnt und die war ganz allein und ist auch zu dem Zeitpunkt auf diesen Wagen gekommen und hat sich uns angeschlossen. Das war eine Großtante, aber das war eine sehr wohlhabende Frau, die früher immer den ganzen Ort beschenkt hat und Glocken für die Kirche gekauft hat, die ist auch nur mit einem Koffer gekommen, bitte. An uns drei kann ich mich erinnern, wer sonst noch dabei war, das weiß ich jetzt nicht, auf jedem Fall sechzig andere Leute. Dann sind wir nach Hohenelbe gekommen und mussten uns aufstellen am Lagereingang, dann haben's die Koffer alle umgedreht und den Leuten haben's die Ringe abgeschnitten von den Fingern und in den Koffern war doch noch ein bisschen ein Schmuck drin, weil es hat nicht jeder das abgegeben, denn es war ja das einzige Wertvolle, was man noch leicht mitnehmen konnte. Sind dann so Schmuckberge dort gelegen, an das kann ich mich noch sehr gut erinnern. Und dann kamen wir in das Lager, da waren so Baracken mit Stockbetten, alles im Juli neunzehnhundertfünfundvierzig, im Juni war meine Großmutter, im Juli waren wir. Und zwei Tage später sind wir dann zu Fuß zum Bahnhof nach Hohenelbe hinuntermarschiert mit unserm Gepäck, wir hatten einen kleinen Handwagen, das war ein Riesenvorteil, da konnte man unsere Koffer auf den Handwagen geben und ziehen. Sind wir nach Hohenelbe auf den Bahnhof und das sind so Kohlewagons gestanden so offene und dann sind wir so zwanzig-dreißig Leute sind wir hinaufgestiegen, da war nichts, da musste man auf den Koffern halt sitzen, unten war alles schwarz von der Kohle und dann ist der Zug losgefahren, kann mich noch sehr gut erinnern, Richtung Reichenberg, Liberec heißt das noch, und dazwischen hat's noch so geregnet, da hat's so geschüttet, ist ein Gewitter gekommen, dann haben wir die Koffer übern Kopf gehalten, damit wir nicht so nass werden. Über Nacht sind wir in Reichenberg gestanden, da war's ziemlich kalt und nass war alles und am nächsten Vormittag sind wir dann weitergefahren worden nach Zittau, das ist der erste deutsche Ort und da haben sie uns aus den Wagons herausgelassen und haben gesagt: "So, damit seid's ihr eurem Schicksal überlassen"."


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Cerny Dul und Vrchlabi (begleitet von Iris-Carolina Egger) im Juli/August 2003

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Der Bahnhof von Vrchlabi Die Unterkunft in Cerny Dul.
Wieder in Wien stelle sich im Gespräch mit Dr. Rose heraus: Es handelt sich um den Hof seiner Großmutter, den sie (noch vor 1945) verkaufte und der dann später zu einer Art Jugendherberge ausgebaut wurde.


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Prag (Praha)

1941 - 1943 = 5 - 7

"... und als ich fünf Jahre war, neunzehnhunderteinundvierzig, bin ich mit meinen Eltern nach Prag übersiedelt, weil mein Vater dort die Leitung des Verkaufsbüros Prag übernommen hat. Dann haben wir zwei Jahre bis neunzehnhundertdreiundvierzig in Prag gelebt und da habe ich auch meine ersten Erinnerungen in meinem Leben, weiß noch ganz genau wie das Haus ausgeschaut hat, in dem wir gelebt haben und ich weiß dass wir immer auf den Vysehrad, das ist die Burg oberhalb der Moldau gegangen sind und hinuntergeschaut haben, ich kann mich an den Wenzelplatz erinnern und wenn ich jetzt, vierzig Jahre später wieder in Prag war, konnte ich meiner Begleiterin sogar sage: "Da in der Gasse drüben ist ein Kino, da war ich fünf, sechs Jahre, da haben wir Filme mit Hans Moser gesehen", also da beginnt eigentlich meine Erinnerung so mit dem fünften Lebensjahr. Dann musste meine Vater in den Krieg einrücken und dann bin ich mit meiner Mutter wieder zurück nach Schwarzenthal."


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Praha im September/Oktober 2008

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Am Vysehrad


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Berlstedt, Gera

1945 - 1947 = 9 - 11

Nachdem wir in Zittau die Wagons verlassen mussten, wanderten wir zunächst 2 Wochen zu Fuß mit unserem Handwagen von Ort zu Ort. Es wurde nämlich gesprochen, dass wir in Kürze wieder in unsere Heimat zurückkehren dürfen, was aber nicht mehr möglich war. So bettelten wir bei Bauern um Brot und Kartoffeln und mussten jede Nacht woanders übernachten.
[Berlstedt]
Dann erfuhren wir, dass das Rote Kreuz in ganz Deutschland Quartiere vermittelte und wir wurden in einem kleinen Ort bei Weimar zu einem Bauern vermittelt. Dort bewohnten wir, meine Mutter, meine Tante (die Fabrikantin) und ich ein Zimmer. Ich musste mit meiner Mutter in einem Bett schlafen und die Winter waren sehr kalt. Wir waren froh, dass wir den kleinen Handwagen hatten, denn damit fuhren wir in den nahen Buchenwald (hinter dem KZ-Buchenwald), fällten dort kleine Bäume, spalteten sie zu Hause und überlebten damit halbwegs gesund zwei kalte Winter. In unserem Ort Berlstedt ging ich auch in die Zentralschule. Wir lernten Russisch, denn wir wohnten in der russischen Besatzungszohne.
[Gera]
Durch Zufall erfuhren wir durch unseren Onkel Hans aus Österreich, dass meine Großmutter in Gera wohnte, ebenfalls in Thüringen und so konnte ich im Sommer immer zu ihr fahren.
[Zonengrenzenüberschreitung]
Da mein Vater im Sommer 1947 aus französischer Gefangenschaft nach Österreich repatriiert wurde, suchten wir nach einer Möglichkeit auch dorthin zu gelangen. Alle Grenzen waren zu. Eine Verwandte von uns wohnte in Böseckendorf, einem Bauernort an der englischen Grenze und wir fuhren zu ihr und konnten dort die Grenze noch unbehindert auf einem Feldweg überschreiten. Meine Tante Marga holte uns ab und wir fuhren unter großer Anstrengung in die amerikanische Zone nach München.


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Liberec, Zittau, Halle, Berlstedt, Weimar und Gera im September/Oktober 2008

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Bahnhof von Liberec vom Zug aus Am Bahnhof von Zittau Am Marktplatz von Halle. In der Rotkreuzstelle in Halle wurde Hr. Rose mit seiner Mutter und seiner Tante in eine Unterkunft in Berlstedt zugeteilt.
Berlstedt, im Hintergrund der Ettersberg mit Buchenwald In Weimar vor dem Deutschen Nationaltheater. Die Mutter von Hrn. Rose hat für ein Geschäft in Weimar in Heimarbeit gestrickt. Gera von Schloss Osterstein aus


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Heidenreichstein, Waidhofen an der Thaya

1947 - 1949 = 11 - 13

Von dort aus gelangten wir in einem Sondertransport nach Wien und weiter nach Heidenreichstein im Waldviertel, wo mein Vater schon eine Wohnung besorgt hatte. Vor dort aus ging ich 2 Jahre in die 1. und 2. Klasse des Gymnasiums in Waidhofen an der Thaya.


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Heidenreichstein und Waidhofen an der Thaya im Juni 2005

Durch einen Defekt der Fotokamera können die geknipsten Bilder leider nicht gezeigt werden. Hier die Motive ohne Stefan Pöhl drauf: Stadtplatz Heidenreichstein, Gymnasium und "Kulturschlössl" in Waidhofen an der Thaya. Der Besuch dieser Orte war das Ziel einer 4-tägigen Radtour von Wien entlang der Donau, das Kamptal hinauf, über Obergrünbach (bis hierher begleitet von Reinhard Kruisz) nach Waidhofen an der Thaya und Heidenreichstein.

Stadtplatz Heidenreichstein Gymnasium Waidhofen an der Thaya
-->
Unterkunft fand ich im städtischen "Jugendgästehaus" im "Kulturschlössl", einem ehemaligen Schülerheim für Gymnasium-Schüler, direkt neben dem Gymnasium gelegen
Kulturschlössl Waidhofen an der Thaya


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Lenzing, Gmunden

1949 = 13

"Wir sind dann nach zwei Jahren, neunzehnneunundvierzig, sind wir dann übersiedelt nach Lenzing in Oberösterreich. Das ist ein Ort bei Vöcklabruck mit Zellwollindustrie, große Zellwollfabrik mit sechstausend Beschäftigten, dort hat mein Vater einen Verkaufsjob bekommen einen sehr guten. Da sind wir dann von dem doch so düsteren Waldviertel, kalt und einsam das Ganze, in eine Landschaft übersiedelt, das war für mich wie ein Paradies."

1949 - 1955 = 13 - 19

"Dann kamen wir eben nach Lenzing in Oberösterreich, das ist ein Ort am Tor zum Salzkammergut, eine Traumlandschaft, der See und hinten die Berge und so weiter und mein Vater hat wieder eine Beschäftigung gehabt, die ihm gefallen hat. Zwischen Vöcklabruck und dem Attersee ist der Ort Lenzing mit der großen Fabrik und einer Arbeitersiedlung, da haben wir dann eine Wohnung bekommen und da haben wir uns eigentlich wieder so gefühlt, wie man sich wohlfühlt.
[Gmunden]
Ich bin dann zwar nach Gmunden am Traunsee in die Schule gefahren, ich musste jeden Tag um sechs schon weg und bin erst um vier nach Hause gekommen, mit dem Zug zwei Mal umsteigen, aber diese Strapazen haben mir überhaupt nichts ausgemacht, denn das Gmunden, das ist ein Ort so wie am Lago Maggiore, mit einer Esplanade, mit Palmen am Sommer, die sie herausstellen, hier der große See. Wie ich das erste Mal hingekommen bin, habe ich geglaubt, ich bin im Paradies, nach dem Waldviertel, nach dem was vorher war, dorthin. Und eine schöne Schule. Das war für mich eigentlich eine Wende im Leben, obwohl ich die Zeit vorher auch nicht so negativ empfunden habe, heute denke ich mir schon: das war schon arg, was man uns zugemutet hat. Das war eigentlich die Wende [lacht] in Gmunden.
[Gymnasium]
Da bin ich dann ins Gymnasium gegangen bis neunzehnfünfundfünfzig, neunzehnfünfundfünfzig habe ich maturiert, sechs Jahre. Wir waren ja eine sehr große Klasse, es waren, glaube ich, sechsunddreißig, als ich in die Klasse kam, eine Menge von Schülern. Im Waldviertel da waren wir auch nur so zwanzig-fünfundzwanzig, nun sechsunddreißig. Und ich bin zuerst in einer falschen Klasse gewesen, wo sie schon Latein hatten ab der ersten - hatte aber Englisch, und erst nach einem Monat bin ich draufgekommen, ich war in der falschen Klasse [lacht]. In Latein waren die schon so weit, ich hab doch noch nie Latein gehabt und ich fang eigentlich erst an. Da bin ich zu dem Klassenvorstand gegangen und der hat gesagt: "Da sind Sie fasch!", da hat er mich gleich hinüber zu dem anderen, der hat gesagt: "Den nehme ich nicht, ich hab schon sechsunddreißig", hat mich nehmen müssen. Ich habe mir sehr schwer getan in Englisch, die waren so weit in Englisch, die waren in der amerikanischen Zone, Heidenreichstein war in der russischen Zone, ja, da ist das Englisch halt so mitgelaufen und in der amerikanischen Zone, im Gymnasium haben sie die Englisch-Unterlagen gebracht, wir sind ins englische Kino gegangen und so weiter, schon in der ersten Klasse. Und ich kam da von dem russischen Waldviertel, da habe ich mir im Englisch sehr schwer getan aber ich war dann eigentlich ab der Vierten war ich immer Vorzugsschüler. Ab der Fünften waren wir nur dreizehn, die sind entweder Handelsakademie gegangen oder haben technische Lehranstalten besucht, da waren wir nur dreizehn und das war das Schönste, was man als Schüler erfahren kann, eine kleine Gruppe, wo man zu den Professoren einen ganz anderen Kontakt hat. Bei uns gab's fast keine Prüfungen, wir waren eh dauernd in Kontakt.
[Schulausflüge]
Einen Klassenvorstand haben wir gehabt, der war sehr modern und hat sehr viel mit uns unternommen, wir haben Schulausflüge gemacht, da haben die anderen Professoren nur den Kopf geschüttelt, was sich der alles traut: Schlauchbootfahrt vom Hallstätter See in den Traunsee, der Traun entlang, Bad Goisern, Bad Ischl, in zwei Schlauchbooten sind wir da heruntergefahren zum Beispiel, Radtour nach Hinterstoder, so Sachen, dreitägige Gebirgswanderung, also das war wirklich sehr schön, und sehr viel Englisch gelernt bei dem, das war so ein bisschen ein Rebell, der hat das Schulsystem, dieses verzopfte alte Schulsystem das wollte er komplett umkrempeln und unsere Klasse war immer so eine Modellklasse, wie man eigentlich modern agiert und wie man den Schülern schon Verantwortung gibt, der hat sich sehr viel getraut. Wir waren auch zwei Mal in Wien, "Österreichs Jugend lernt Wien kennen", so eine Woche, das haben die anderen alles nicht gemacht weil ihnen das zu beschwerliche war, mit Schülern nach Wien fahren eine Woche."

1954 = 18 [nach der 2. Wienwoche]

"Da waren wir alle so begeistert von diesem "Kaiser von Amerika" im Burgtheater, wir waren in der achten Klasse und da haben wir gesagt: "Das führen wir jetzt auf als Maturastück". Als Maturaaufführung haben wir dann den Kaiser von Amerika im Stadttheater Gmunden im Stadtkino in Vöcklabruck und im Lehar-Theater in Ischl aufgeführt [lacht]. Ich habe nur eine kleine Rolle gehabt, ich war nie ein großer Schauspieler, aber der Putz-Willi, das war so der Star der Klasse, der hat den Kaiser von Amerika gespielt, das war eine Rolle, eine Stunde hat der deklamiert und so, wundere mich heute noch. Und das neben der Maturavorbereitung bitte, haben ja Matura auch gemacht in der Zeit."

1955 - 1960 = 19 - 24 [während dem Studium in Wien]

"Im Sommer habe ich manchmal gearbeitet, drei Sommer habe ich in Lenzing gearbeitet, in der Bauabteilung, einen Monat, weil ich im zweiten Monat immer unterwegs war."

1959 = 23 [während dem Studium in Wien]

"Und ich hatte das Glück, dass meine Diplomarbeit, die hieß "Lenzing: Industriezentrum und Lebensraum", hat also den Ort Lenzing, diesen Industrieort analysiert und dort die ganzen Einkommensflüsse, wo geben die Leute zum Beispiel ihr Geld aus in welchen Orten, zentrale örtliche Gefüge analysiert und habe das Pendlerwesen analysiert. Das hat so gut eingeschlagen diese Diplomarbeit, dass ich dann einen Preis bekommen habe von der Arbeiterkammer von fünftausend Schilling, war damals gar nicht so schlecht, und die Gemeinde Lenzing hat gesagt und er Landesrat von Oberösterreich, mit dem ich viel zusammengearbeitet habe, ich soll das noch ein bisschen ausbauen und Vorschläge machen über Verkehr und so weiter, wie man verbessern könnte. Und mein Diplomvater hat gesagt: "OK, dann machen's, dann bauen wir das zur Dissertation aus". Und ich war sehr interessiert, hab auch nichts anderes mehr machen müssen, habe ich das ausgebaut und hab eigentlich relativ rasch dann das Doktorat gemacht."


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Lenzing und Gmunden im September 2005

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Ehemalige Werkswohungen für Angestellte der Lenzing AG Die Zellstofffabrik Lenzing AG Der Attersee
Gmunden und der Traunsee, das gelbe Gebäude vor dem Kirchturm ist das ehemalige Gymnasium - von der Rückseite gesehen Das ehemalige Gymnasium Die Esplanade, links das Seeschloss Ort
Auf dem Traunsee in Richtung Gmunden Das Stadttheater und Kino in Gmunden Auf der linken Seite befand sich das ehemalige Stadtkino in Vöcklabruck
Das Gemeindeamt von Lenzing   Im Museum von Gmunden


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Wien, Brüssel

1945 = 11

"Das erste Mal Wien war, als wir siebenundvierzig ins Waldviertel fuhren, waren wir zwei Tage in Wien, weil da wohnte auch ein Onkel, der Onkel Franz, der war Stationsvorsteher beim Westbahnhof. Und ich hab damals meine Liebe zur Bahn entdeckt, der hat mir so viel erzählt, der war schon in Pension, älterer Herr. Der hat mir erzählt, dass er dem Kaiser Franz Josef die Hand gedrückt hätte und dass er mit dem Rumänischen Kaiser auf der Lock gefahren ist und das hat mir so imponiert, dass mein ganzes Leben, mein Freizeitleben sehr stark von der Eisenbahn geprägt wurde. Wir sind mit der Stadtbahn gefahren in Wien, da sind wir gefahren hinaus nach Heiligenstadt und zu Fuß am Kahlenberg und wieder runter. Das war schon sehr interessant, das war nur sehr kurz."

1953 + 1954 = 17 + 18

"Wien kennengelernt haben wir dann zwei Mal je eine Woche, dreiundfünfzig-vierundfünfzig, Wienwoche mit Führung, jeden Abend im Theater, in der Oper. Das war ja organisiert vom Ministerium, da gab's den Professor Ellenberger, der war bekannt als Führer, der die jungen Leute begeistert, der das alles erklärt und so weiter, haben wir auch gehabt. Wir waren jeden Abend im Theater, drei Vorstellungen waren vom Ministerium für uns reserviert, den Rest haben wir jeden Abend auf dem Stehplatz erleben können. Da haben wir wirklich eine Nähe zu Wien und zur Kunst und zur Kultur in den zwei Wochen kennengelernt, das hat uns wirklich geprägt. Gewohnt haben wir in einem Schülerheim in Hadersdorf-Weidlingau bei Hütteldorf draußen, das war gut organisiert, wir sind zwar erst immer um zwölf nach Hause gekommen. Im Theater haben wir "Carmen" gesehen, "Hoffmanns Erzählungen" und dann Bernard Shaw "Der Kaiser von Amerika". Und dann sind wir zurückgefahren, eine Rückfahrt haben wir mit dem Schiff gemacht, haben wir gesagt: "Jetzt steigen wir ins Schiff hier ein in Wien und erst in Melk fahren wir mit dem Zug wieder weiter"."

1955 - 1960 = 19 - 24

"Mein Vater war halt Kaufmann und hat mir viel erzählt von seinen Kunden und Produktionsplanung und alles, dadurch habe ich mich entschlossen, dass ich die Wirtschaftsuniversität, damals Hochschule für Welthandel, besuche. Und da bin ich nach Wien übersiedelt neunzehnhundertfünfundfünfzig und bin bis neunzehnhundertsechzig auf der Hochschule für Welthandel und hab das mit Diplomkaufmann und Doktor abgeschlossen. Es ist ein normales Studium es war halt damals auch so, dass auf dieser Hochschule nur sechstausend Hörer waren, heute sind sechsundzwanzigtausend, glaube ich, schon, die Hochschule war sehr klein, wir hatten doch recht gute Kontakte, es war noch eine sehr angenehme Art zu studieren, weil man doch noch Kontakte zu Professoren hatte. Die Hochschule war im achtzehnten Bezirk in Währing, im Währinger Park, so ein schönes altes Gebäude, neuzehnhundertvierzehn, glaube ich, gebaut. Was mich am meisten interessiert hat war ja die Verkehrswissenschaft, ich hab auch mein Diplom und mein Rigorosum im Betriebswirtschaft-Verkehr gemacht, beim Illetschko hieß der damals. Zuerst das Diplom und dann das Doktorat, die meisten haben aufgehört nach dem Diplom und sind schnell in die Wirtschaft, weil damals hat man uns ja von der Hochschule schon geholt, weil es war ja damals niemand da. Ich wollte das Doktorat halt machen, das hat nur eineinhalb Jahre länger gedauert."

"Gewohnt habe ich mit einem Freund zusammen in Untermiete am Währinger Gürtel, in einem Zimmer, Einzelzimmer ein großes, also das war kein Problem. Und finanziell, mein Vater war Prokurist, habe ich eigentlich keine Nebenbeschäftigung haben müssen."

1960 - 1976 = 24 - 40

"Na ja und dann, dann bin ich natürlich gleich, nachdem ich Verkehrswissenschaften studiert hab und während meiner Zeit in der Mittelschule hab ich Fahrpläne von ganz Österreich neu geschrieben, dickes Buch, handgeschrieben, alle österreichischen Linien neu entworfen und [lacht] ich bin mir vorgekommen wie ein Experte auf dem Gebiet - bin ich gleich zur österreichischen Bundesbahn gegangen zum Herrn Generaldirektor Schautl und hab gesagt: "Herr Generaldirektor, ich komm von der Hochschule, ich hab das Doktorat gemacht und Verkehrswissenschaft, ich hab mich bisher sehr für den Verkehr interessiert, ich hab Verkehrspläne geschrieben, ich kenne das Verkehrswesen, glaube ich, ganz gut, ich glaube, ich wär der richtige Mann für die Bundesbahnen", "Also ja, das wären Sie, wirklich, ausgezeichnet, aber wir haben momentan einen Aufnahmestopp. [lacht] Gehen Sie einstweilen zu meinem Freund Mayer, der ist Generaldirektor von Standard Telefon und Telegrafen AG", der späteren ITT Austria, das war ein Telefonkonzern, der größte der Welt, er hat sich dann aufgelöst. "Gehen Sie zu meinem Freund Mayer und kommen Sie halt später noch einmal vorbei". Und so kam ich dann in die Industrie und nicht in das Verkehrswesen.
[ITT]
Der Freund Mayer hat mich sehr gerne aufgenommen, ich war sein Assistent ein halbes Jahr, dann habe ich das Planungswesen übernommen und da habe ich mich eigentlich ganz gut, ganz wohl gefühlt dort, weil ich sehr viel unterwegs auch sein konnte. Es war die Zentrale in Brüssel, wir sind dann sehr viel nach Brüssel gefahren, wir hatten so eine volkswirtschaftliche Gruppe, die sich drei Mal im Jahr in irgendeiner europäischen Hauptstadt getroffen hat. Das war für mich wirklich eine sehr interessante Zeit. Sie hatten selber keinen Volkswirt, der Betriebswirt hat die Volkswirtschaft mitgemacht [lacht], an und für sich habe ich Betriebswirt gemacht und bin dann Vorstand des Finanzwesens geworden im Jahr sechsundsiebzig."

1965 - 1973 = 29 - 37

"Dazwischen [zwischen dem Einstieg in die ITT und dem Posten als Vorstand des Finanzwesens] war ich drei Jahre in Brüssel in der Zentrale, dazwischen habe ich geheiratet, neunzehnhundertfünfundsechzig noch in Wien, neunzehnhundertachtundsechzig und -siebzig sind jeweils ein Kind, ein Sohn auf die Welt gekommen."

1980 = 44

"Dann kam dieses ominöse Jahr neunzehnhundertachtzig, da war eine Wende in meinem Leben, da gab's ein Gerichtsverfahren gegen fünfzehn österreichische Firmen, die beschuldigt waren, beim Bau des Allgemeinen Krankenhauses [lacht]. Da war unser Generaldirektor und natürlich der Finanzchef, unser Vertriebsleiter, waren wir drei der vierundzwanzig Angeklagten. Es war von Siemens jemand dabei und von Schrack und von Kapsch und so weiter, wir waren alle angeklagt, dem Chef des AKH-Baus Provisionen, ungerechtfertigte Provisionen gegeben zu haben über eine Planungsfirma. Ich habe eigentlich mit einem Freispruch gerechnet, bin aber, nachdem das politisch sehr hochgespielt wurde unterm Kreisky, Unternehmen und so weiter, und die Schöffen total unfähig waren das Ganze zu beurteilen, es waren zwei Frisösen da im Schöffensenat und ein EDV-Mann, der hat halt noch ein bisschen was gewusst, aber die haben überhaupt sich total beeinflussen lassen vom Richter, und der Richter und der stellvertretende Vorsitzende, die waren der Meinung, wenn jemand Vorstandsdirektor ist, dann muss er alles wissen. Das war die Voraussetzung, wir sind alle verurteilt worden, obwohl unser Vertriebsleiter, der hat das Ganze aufgebaut, der hat auch selber was genommen. Da habe ich ein Jahr bedingt bekommen. Und damit war meine Karriere in der ITT beendet, die Amerikaner sind ja sogenannte Saubermänner und, das muss man anerkennen, wenn jemand in dieser Position eine gerichtliche Verurteilung hat, dann ist es für einen Konzern wie die ITT nicht mehr tragbar."

1980 - 2003 = 44 - 67

"Und da bin ich dann zum Generaldirektor der Kreditanstalt gegangen, das war unser Aufsichtsratsvorsitzender und der hat gesagt: "Sie sind ja ein guter Mann, sie haben so viel Erfahrung und wir brauchen jemanden in der Firma Semperit". Da bin ich dann neunzehnhundertachtzig zur Firma Semperit gegangen und war dann als Prokurist und Geschäftsführer einer kleineren Semperit-Firma in Wien tätig bis zum Jahr neunzehnhundertachtundachtzig. [leichtes Lachen] Haben wir große Sachen gemacht, das waren doch sechstausend Beschäftigte das Unternehmen und wir haben das Unternehmen geteilt weil es war nicht mehr überblickbar in eine Reifen-GesmbH, das ist die Semperit-Traiskirchen geworden, die dann von Conti übernommen und dann geschlossen wurde und eine Technische Produkte. Und ich hab vor allem diesen Teilungsprozess mitverfolgt und mitgestalten dürfen, das war sehr interessant. Dann war die Teilung abgeschlossen und es sind nur mehr zwei relativ kleinere übriggeblieben
[Elin]
und dann kam der frühere Kollege von der ITT, war inzwischen Generaldirektor von der Firma Elin und die hatten ähnliche Probleme wie Semperit: ein Moloch, nicht überblickbar. Und nachdem ich in der Industrie doch schon einen guten Ruf hatte und in der Industriellenvereinigung auch immer tätig war, hat man gewusst, was ich auch dort gemacht habe und da hat der Klestil gesagt: "Kommen's zur Elin, wir würden Sie gerne bei der Elin beschäftigen, wir wollen die Elin teilen". Da bin ich dann zur Elin, einundneunzig haben wir geteilt und zweiundneunzig war ich dann wieder Finanzvorstand von der Elin, von einer der beiden Elin-Firmen, zweiundneunzig bis sechsundneunzig [lacht].
[Pension]
Naja, sechsundneunzig bin ich dann in Pension gegangen, da war ich sechzig Jahre. Jetzt bin ich schon sieben Jahre in Pension. Ich mache meine Reisen, siebenundneunzig war ich in Schottland drei Wochen. Ich hab jedes Jahr eine ziemlich ausgiebige Eisenbahnreise gemacht, ohne Buchen, Individualreise, zum Teil ist eine Freundin von mir mitgefahren, weil ich habe mich neunzehnhundertvierundneunzig von meiner Frau getrennt, sechsundneunzig sind wir geschieden worden, und war in Schottland und Finnland, St. Petersburg und Skifahren und Wandern. Und hab begonnen auch so Ausflugsfahrten zu organisieren, vor allem in den Osten, Bukarest, Sofia, Lemberg, ich hab diese Orte alle besucht und mich dort aufgehalten und dort versucht Leute kennenzulernen. Und hab auch Berichte geschrieben, die zum Teil abgedruckt wurden, in der Riesengebirgszeitung ein langer Bericht über das Riesengebirge heute, dort war ich auch einmal drei Wochen, hab mit Leuten gesprochen mit den Tschechen, die jetzt dort wohnen, und hab so Situationsberichte gemacht von Sofia, das mache ich jetzt noch."


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Bilder vom Besuch von Stefan Pöhl in Brüssel im September 2009

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Das Atomium in Brüssel

 


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