Projekt "Beteiligung durch Erinnerung"

Seniorenzentrum Eppan: Erzählcafe

Ankündigungen - Dokumentation - Texte

Texte der TeilnehmerInnen

Texte der am 1. Treffen teilehmenden Schüler:

Wiederhall - Zeitung für Senioren Texte der Seniorinnen,
veröffentlicht in der Zeitung für Senioren des Seniorentreff St. Michael "Wi(e)derhall", Nr. 1, Jänner 2001:


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Freizeit


Jeder, vor allem der Jugendliche, braucht Freizeit wo er seinem Vergnügen nachgeht. In unserer Freizeit können wir viel, aber nicht alles selbst bestimmen, weil es uns wichtig ist, dass es den Eltern auch recht ist und sie uns unterstützen. Es gibt heut zutage sehr viele Angebote, z. B. Sport, Hobbys, Musik, Kino usw. Bei Hobbys und Sport können zwar viele frei entscheiden, manche werden aber zu verschiedenen Aktivitäten gezwungen.

Jeder braucht auch eine Ruhepause, wo er ganz für sich allein sein kann! Wenn wir ab und zu keine Beschäftigung finden, kann es vorkommen, dass uns langweilig wird. Es passiert auch, dass einige zu viele Angebote annehmen und da wird es dann ganz schön stressig. Viele vertreiben ihre Freizeit auch durch Fernsehen, Computer, Videos, Videospiele, Musik hören, Game Boy usw. Dadurch werden Sport und andere Hobbys vernachlässigt. Es gehen nicht mehr so viele Jugendliche wie früher zur Heiligen Messe. Die meisten besuchen die Sonntagsmesse. Für Hand- und Bastelarbeiten haben wir in der Freizeit sehr wenig Lust, aber können wir in der Schule machen. Wenn wir irgendwo hin möchten, gehen wir zu Fuß, fahren mit dem Rad oder unsere Eltern nehmen sich die Zeit uns zu den verschiedenen Orten zu bringen. Wenn wir 14 Jahre alt sind, dürfen wir mit dem Motorrad fahren. Wir freuen uns schon sehr darauf! ! !

Wir bekommen eigentlich immer sehr großzügige Geschenke zu besonderen Anlässen.
Im Sommer fährt fast jeder von uns mit der Familie in den Urlaub. Wir fahren entweder mit dem Auto, Schiff oder Flugzeug. Wir helfen sehr wenig unseren Eltern bei den Arbeiten, und wenn dann nur sehr ungern und oft gezwungenermaßen. Einige von uns bekommen von den Eltern regelmäßig Taschengeld. Alle anderen bekommen aber trotzdem all das, was sie brauchen. Die Freizeit ist wertvoll und wir sollten es schätzen davon so viel zur Verfügung zu haben. Es gibt ein so großes Angebot an Unterhaltung, dass wir die Freizeit sehr sinnvoll nützen können! !


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Diskussionsrunde zum Thema: Freizeit


Am Dienstag, den 8. Februar 2000 diskutierte unsere Firmgruppe mit den Senioren im Seniorentreff St. Michael/Eppan über das Thema Freizeit. Die Organisatoren waren Herr Stefan Pöhl und Frau Lore Weiss Meraner. Es diskutierten verschiedene Altersgenerationen und so stellten sich tolle Unterschiede heraus ! Die Senioren erzählten verschiedene Geschichten aus ihrer Jugendzeit und es war für uns sehr unterhaltsam. Zum Vergleich mit heute stellten wir große Unterschiede fest. Für uns war es auch sehr lustig, denn die Senioren machten bei ihren Erzählungen sehr viele Witze!

In der ersten Runde ging es um wie viel Freizeit jeder hatte und hat. Jeder musste erzählen, ob für ihn in seiner Jugendzeit genug Freizeit war oder ist. Die Senioren hatten eher wenig oder gar keine Freizeit, für die Erwachsenen war genug und für die Jugendlichen ist mehr als genug. Von den Senioren, die ihre Freizeit zwischen 1925 und 1940 erlebten, hatten die meisten gar keine Freizeit. Sie mussten die Rinder weiden, Baby sitten und im Haushalt mithelfen. Nur diejenigen, deren Eltern keine Bauern waren, hatten manchmal Freizeit. Die meisten hatten sehr strenge Eltern und durften als Freizeitbeschäftigung nur stricken, sticken, nähen oder mußten Kirchen gehen.

Es gab nur italienischen Unterricht in der Schule und so kam es auch, dass sie nur italienische Lieder kannten. Sie sangen und spielten auf den Straßen mit vielen anderen Kindern. Die Schule war in dieser Zeit für die Eltern nur Nebensache. Trotzdem waren sie sehr zufrieden und haben auch viele schöne Jugenderinnerungen. Eine Seniorin sagte, dass sie erst richtig frei war, als sie Witwe wurde. Die etwas Jüngeren, die ihre Jugend zwischen 1955 und 1960 verbracht haben, hatten es auch noch sehr streng. Auch sie hatten sehr wenig Freizeit, mussten viel arbeiten und viel in die Kirche gehen. Die Schule war für die Eltern bereits wichtig. Für die Erwachsenen, die zwischen den Jahren 1960 und 1970 ihre Jugend erlebten war es recht unterschiedlich: Manche mussten noch viel mithelfen, andere wenig und hatten viel Zeit für Hausaufgaben usw. Sie hatten aber alle strenge Eltern. Die Schule war für sie sehr wichtig.

In der zweiten Runde ging es darum, ob die Freizeit organisiert oder unorganisiert ist und war. Bei den Senioren war die Freizeit unorganisiert. Die etwas jüngeren Erwachsenen hatten die Freizeit nur ganz wenig organisiert. Wir Jugendliche haben die ganze Freizeit organisiert. Die Senioren sind in ihrer Jugend ganz selten von zu Hause weggekommen. Oft erst durch einen Nähkurs, wandern in der Gruppe, Mitarbeit in der Jungschar, selbst organisiertem Tanz und ab und zu Theaterbesuch oder ein Sommerfest. Bei Andachten wie Maiandacht, Stationen, Rosenkranz usw. durften sie nachher noch eine halbe Stunde reden oder spielen. Wenn sie Tanzabende organisierten, durften sie erst hingehen, wenn sie zuerst irgend eine größere Hausarbeit erledigt haben, z. B.: Stube schrubben, ebenso auch den Schulraum, wo getanzt wurde .

Wir Jugendliche hingegen dürfen heutzutage wirklich viel von dem organisierten Angebot an Veranstaltungen mitmachen. Wichtig ist nur, dass es Spaß und Freude macht. Wir finden es schade, dass die Senioren und Erwachsenen früher so wenig Freizeit genießen durften. Was sicher toll war ist, dass sie auf der Straße frei spielen konnten und mit wenig zufrieden und glücklich waren. Die viele Freizeit, die wir Jugendliche haben tut uns gut und wir freuen uns sehr darüber.


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Die Hochzeitsreise nach Rom

erzählt von Herta Sparer

Hochzeitsreise håbn wir geterft noch Rom fåhnrn, weil es Heilige Jåhr wår, und mein Månn hat a Tante unten ghåb in Rom, verheiratet, nor håm mir eben geterft do hin gian. Und die Hin- und Retourfåhrt hot elfhundet Lire kostet. Weil heiliges Jåhr isch gewedn - Brautleit håbn's billiger gekriag - Ermäßigung.

Ah sell muaß i schnell derzehln: Irgendwo ban an Onkl hån i gemiaßt a bissl aushelfn, hån i dreitausend Lire verdiant. I hån jo nia koan Geld ghåbt. Und mit de dreitausend Lire hån i di erschtn Nylonstrümpf gekaft. De håbn dreitausend Lire gkoschtet. I hån vierzehn Tåge hort geårbeitet beim Onkel, weil die Diarn dr'krånkt isch, hån i gemisat holt helfen. Und nor hån i mir gedekt, de leg i bei der Hochzeit ån. Ober mit dem lången Kleidl hån i gedenkt, de sieg man jo net, leg' i sie net ån, spår i sie auf die Hochzeitsreise. Und sem hon i si wieder net ånglegt, weil i hån mir gedenkt, im Zug kantn'se hin werdn. Nochr untn wår's recht wårm in Jänner, hån i ohne Strimpf kennt gian. Und wia mir når beim Popscht hin sein, nor hån i mir gedenkt: iaz leg i sie ån. Sein sie nimmr in Kufr drinn gwesn! Sein sie weck gwesn! - Sel denk i heint nou, so wea håts mir getån.

Und sel a: Mir sein ålle Tåg ausgongen, d'r Cousin håt ins ålls gezoag, i hån net so viel verståndn - heint tat i mehr sechn, heint hät i mehr davon. Isch mir åls zuwider gwesn, miad [bin i] gwesn. Und [hån i mir gedenkt]: Wenn er amål hoam fohrat, wenn er amål hoam fåhrat! Zum Schluss hot er es Geld gor und sog: "Iaz hån i es Geld gor, Herta iaz nemmen mir dein Geld." Und i hon koane Lire mit ghåb, net eine Lire hot sie mir drhoam mitgebn die Mamma! Hinten noch hån i es ihr oft vierg'holtn, jedsmål hån i greart vo' Zorn. Sie wår schon schwåch und Ding, und de Zwilling, net, versteasch, når hom's se's net gearn g'håb, dass i g'heiratet hån, sie håm mir holt keine Lire mitgebn. Und i hån mir gedenkt: unt'n in d'r galing sog er: "Iaz hån i mein Geld går, iaz nemm'r deinigs" und i miaßat sog'n: "I hån koan Lire mit." Des isch mir so peinlich gewesen, då hån i während der gånzen Hochzeitsreise Letzes g'håb. Und i hät mi nia getraut, in der Nåcht amål in d'r Briaftasch einizeschaugn! Heint schaugat i eini ob er epas drin håt oder net!

I hån d'rhoam g'folg, når nån i gedenkt: Heirat i'dn, når brauch i nimmer folgn - når hån i no olm gmiast folgn, olm gmiats folgn. Mir håm's schian g'håb, mir håb'n guat g'schåffen, und bål er g'storm isch, s' erschte wås i ze di Buam gsåg hån: Folgn tua i nimmer! Sechzig Jåhr, iaz hån i olm g'folg, iaz tua i wås i will.

Jå, und i bin lei froa g'wesn, dass mir die Retourkårt g'hob håbn. Holt amol hoam kemmen. Des wår mein greschtes Ding bei der Hochzeitsreise, mir hatt'n koan Geld g'håb. Zum Glick hot er genu g'håb.


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Episoden aus der Jugendzeit

von Anni Spitaler

geboren in Dorf Tirol am 19.7.1916. Im Turnerhof bzw. Stadlerhof wurde ich geboren als einzige Tochter neben vier Brüdern. Mein Vater hat mir immer erzählt, daß er bei meiner Geburt eine große Freude hatte und schnell das Rad nahm, um es seinen Arbeitskollegen mitzuteilen. In einer Kurve stürzte er und brach sich zwei Rippen. Das hat er mir bei jeder Gelegenheit gesagt. Und da ich die einzige Tochter neben vier Brüder war, wurde ich sehr streng erzogen. Schon als kleines Mädchen mit 5 Jahren mußte ich auf einen Schemel steigen und Einbrennsuppe kochen. Damals war eine sehr harte Zeit, Geld war sehr rar.

Eine kleine Episode möchte ich hier einbringen, die mich das ganze Leben begleitete. Wir hatten zum Geld überhaupt keine Beziehung. Nach der Schule mußten wir sofort nach Hause. Man hatte nur ein Sonntagskleid (Tracht oder Dirndl), sofort mußte man das Arbeitskleid anziehen. Auf dem Heimweg sah ich etwas glänzen zwischen den Steinen, es war eine Münze, also Geld. Sofort rannte ich zurück. In einem kleinen Laden wollte ich dafür Schokolade. Damals war Schokolade ja etwas Himmlisches. Der Verkäufer frage: "Ja, um das ganze Geld?". Kein Wunder, daß er fragte, da man damals für fünf Lire zwei Kilogramm Gefrierfleisch bekam. Natürlich bekam ich ein ganz großes Stück Schokolade. Auf dem Heimweg genoß ich das wunderbare "Süß". Am nächsten Tag begegnete mein Vater den Inhaber des "Ladele", der ihn sofort fragte, ob er von dem vielen Geld wüßte, das seine Tochter gestern hatte. Selten konnte sich jemand Fleisch kaufen. Man versteht, daß der Vater sehr aufgeregt war. Als er nach Hause kam, wurde ich sofort gerufen, er hatte das noch in sich vom ersten Weltkrieg als Unteroffizier: "Annerl zum Rapport". Freilich erschrak ich heftig, denn bei solchen Tönen war etwas passiert. "Wo warst du gestern?" Im ersten Augenblick wußte ich nicht, was das soll. Nun erschrak ich noch ärger, als er sagte: "Du warst gestern beim 'Fritz'", so hieß der Inhaber des "Ladele". "Wo hast du das viele Geld her?". Ich muß vorausschicken, daß damals selten jemand bei sich ein Silberstück hatte. Aber im Kurhaus Martinsbrunn waren damals nur Hoheiten mit Gefolge zur Kur. Dr. v. Kaahn war der Besitzer. Also die waren sehr wohlhabend. Auch sonst kann ich mich noch an einen ganz lieben Herrn Pelliamin erinnern, der fast täglich in einer Kutsche bei Schulschluß auf uns Kinder wartete und Stollwerk herauswarf. Wer schneller war, hatte Glück.

Noch eine kleine Episode möchte ich hier anbringen, an die ich mich sehr lebhaft erinnere. Die Kurgäste fuhren oft an uns Kinder langsam in einer Kutsche an uns Kinder vorbei, schön gekleidete und Fächer in der Hand. Wir Kinder begegneten auf dem Schulweg öfters einem solchen Gespann, und ich bemerkte einmal, daß so eine Hoheit im Ohr Watte hatte. Ich dachte, daß das für schön sein sollte. Als vier-fünfjähriges Mädchen wollte ich auch schön sein, und steckte mir ein Palmkätzchen ins Ohr. Nach einigen Tagen bekam ich ganz arg Ohrenweh. Aus Angst hatte ich nicht den Mut, zu sagen warum. Meine Mutter brachte mich nach langem Hin und Her (heißes Öl ins Ohr, Wickel usw.) nach Martinsbrunn zum Dr. v. Kaahn. Es tat sehr weh, denn damals hatte man noch nicht solche Geräte wie heute. Die Diakonissenschwester lobte mich und sagte "So ein braves Kind war noch nie da". Kein Wunder, denn ich hatte Angst, daß meine Missetat aufkam. Zur Belohnung bekam ich ein Säckchen mit so ganz kleinen viereckigen silbernen Zuckerlen. Ich war darüber sehr glücklich. Heute würde man so etwas nicht mehr schätzen. Zudem mußte alles mit den Geschwistern geteilt werden, obwohl ich es für die Tapferkeit bekam. Am Ende kam es doch ans Tageslicht, daß es ein Palmkätzchen war. Ich wollte eben auch schön sein.

An eine andere Episode kann ich mich noch lebhaft erinnern. Schon als vier- fünfjähriges Kind mußte ich kleine Arbeiten verrichten. Z.B mußte ich während die Mutter anderweitig arbeitete, Brennsuppe kochen. Dazu mußte ich, um auf den Herd zu langen, auf einen Schemel steigen. Es klingt unglaublich, aber es war wirklich so. Die Suppe war noch nicht fertig, da stand ein armer Mann an der Türschwelle und bat um Essen. Die Suppe reichte gerade für unsere Familie. Ganz verzweifelt zog ich alle Schubladen, um etwas für den Armen zu finden, aber leider fand ich nichts. Der Arme bemerkte meine Verzweifulung und sagte: "Loß lei Madele, i hon dein guatn Willn g'echn, i wer schun in an onderen Ort eppas kriagn". Damals waren Arme wirklich arm. Meistens kinderreiche Familien, dann an Verhütung durfte man ja bezüglich Glaube nicht denken.

An eine Episode kann ich mich noch lebhaft erinnern, die sich mit meinem Vater zugetragen hat. Ich war mit meinem Vater von zu Hause weg. Eine halbe Stunde unterwegs begegneten wir eine weinende Frau, ein Kind an ihrer Seite, eines auf dem Arm. Es fiel mir auf, daß diese Frau einen dicken Bauch hatte, vermutlich erwartete sie ein drittes Kind. Mein Vater war ein herzensguter Mensch, das möchte ich vorausschicken. Er fragte nun die weinende Frau, warum sie weint. Auf die Frage hin weinte diese noch heftiger, bis sie dann schluchzend erklärte, daß ihr Mann schwer krank im Krankenhaus liege und sie daheim nun kaum etwas zum essen hat. Das Quartier ist kalt, obwohl sie den Rest ihrer Zeit mit Holzsammeln verbringt. Mein Vater war überaus gerührt und zeigte ihr den Weg zu meiner Mutter, mit dem Auftrag, daß sie ihr von allem, was wir haben (obwohl auch wir nichts übrig hatten), geben soll. Wir hörten noch lange das weinende "Vergelt's Gott". Auf einmal blieb mein Vater stehen und ging mit mir wieder nach Hause zurück. Er hatte Angst, daß die Mutter der armen Frau nicht von allem gibt. Ich muß schon sagen, daß die Dreißigerjahre sehr harte Zeiten waren. Die Bauern waren etwas besser dran, dadurch daß sie ziemlich eigene Produkte hatten, obwohl auch sie die Butter verkaufen mußten, um etwas Geld für andere Lebensmittel zu haben. An Stelle von Butter kaufte man dann Schweinefett. Aber wir hatten wirklich den Segen Gottes. Wir hatten nichts Übriges, aber für den Hunger hatten wir doch genügend. Allerdings wenn wir nach der Schule vom Bäcker die "Paarlen" mitbringen mußten, stieg uns der Duft in die Nase, aber davon ein Stück zu essen, getrauten wir uns nicht. Als wir dann heim kamen mit den duftenden "Paarlen", bekamen wir nach einem "Bitteschön" und dann ein "Vergelt's Gott" vom halben's Halbe.

Unsere Mutter war sehr gläubig. Von einem Priester hatte man ganz großen Respekt. Wenn so ein "hoher" Besuch kam, wurde alles aufgeboten. Eines Tages kam ein recht lieber älterer Geistlicher auf Besuch. Also wollte ihm die Mutter natürlich eine gute "Merende" anbieten. Aber leider war nichts da. Somit mußte ich zum naheliegenden Schloßwirt, um 20 dkg Emmentaler zu holen. Natürlich aufgeschrieben, später arbeitete es unsere gute Mutter dann ab. Man darf nicht vergessen, das waren die Nachkreigsjahrte, 1925-26 ungefähr. Auf dem Weg nach Hause stieg mir der Duft vom Emmentaler in die Nase. Opfer bringen war ja recht, aber es war einfach hart. Also machte ich das Papier auf, der Käse war so schön feucht. Nun leckte ich mit Genuß die Löcher aus. Trotzdem aß ihn der Geistliche mit Genuß.

Da meine Mutter sehr gläubig war, mußten wir mit ihr in der Karwoche tägliche nach Riffian zur Frühmesse. Gehweg gut eine Stunde, und um 8 Uhr mußten wir in der Schule sein. Mein Vater war nicht so erpicht für's Walfahten, er war sehr gläubig, aber fand das viele Walfahten übertrieben. Einmal war es wirklich so: Der Weckruf der Mutter war laut: "Aufsteh'n es ist Zeit". Mir kam vor, daß wir erst ins Bett gegangen waren. Es war kalt. Als einzige Tochter mußten die Kleider aufgetragen werden bis es nimmer ging. Betend kamen wir und zitternd vor Kälte in Riffian an. O Gott, die Kirche war noch geschlossen. "Rorate"-Beginn um 6 Uhr. Vom Turm schlug es 3 Uhr füh. Wir, mein Bruder Karl und ich, begannen zu weinen. Zur Beruhigung versprach uns Mutter beim Wirt nachher einzukehren. Da bekamen wir dann eine heiße Suppe. Mittlerweilen wurde in einem Stall Licht. Wir rannten so schnell wir konnten dorthin, um uns bei den Kühen zu wärmen bis die arme Mutter dann nachkam.

Eine Episode hätte ich bald vergessen. Diese Erinnerung hat mich bis heute begleitet. Mein Bruder Karl war damals zirka drei Jahre alt. Da Mutter beim Nachbar im Stadl beim Korndreschen aushalf, mußte ich auf ihn aufpasssen. Vor dem Stadl war eine große Jauchegrube, davor stand auch ein großer Leiterwagen. Außer Holzstäbe waren auch so hängede Ketten angebracht. Natürlich fand ich es lustig in den Ketten zu schaukeln. Auf einmal fiel mir ein: Wo ist Karl?!. Zu meinem Schrecken sah ich in der Jauchegrube. Nun schrie ich, daß etwas Schreckliches passiert sei. Mutter rannte daher und ein Knecht holte das Kind heraus. Gut kann ich mich noch erinnern, daß meine Mutter mein Brüderchen abschwemmte und ihm Milch einflößte.


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