Projekt "Auf der Spur"

Fachliche Begleitung des Projekts "Auf der Spur"

Methodisches Vorgehen



Konkrete Produkte des Projekts "Auf der Spur" sind ein Videofilm und ein Buch:

Arbeitskreis Eltern Behinderter (Hrsg.): Auf der Spur - Ein etwas anderes Klassentreffen. Lebensbiographien von ehemaligen SchülerInnen des Berufsfindungskurses Brixen. Eine qualitative Untersuchung zu Lebenslagen, eine gemeinsame Entdeckungsreise, eine Bestandsaufnahme. Bozen 2002.

Der folgende Text gibt den von Stefan Pöhl verfasste Teil des 1. Kapitels wieder.

Methodisches Vorgehen beim Projekt "Auf der Spur"

Lebensgeschichtliche Forschungs- und Bildungsarbeit

Am Beginn des Projekts "Auf der Spur" stand fest, dass die Forschungsmethode eine qualitative sein sollte. Es sollten nicht (mittels quantitativer Forschung) nur zusammenfassende Aussagen aus Zahlenmaterial gemacht werden - Zahlenmaterail, das in Form einer von der Deutschen und ladinischen Berufsausbildung Südtirols im Jahr 1987 erstellten Untersuchung [1] vorhanden war. Vielmehr sollte im Detail aufgezeigt werden, was sich hinter diesem Zahlenmaterial an konkreten Lebensbedingungen verbarg. Eine qualitative Untersuchung der ehemaligen SchülerInnen bedingte, dass sie sich auf einige wenige Personen beschränkt, um die große Menge an Forschungsdaten, welche die detaillierte Betrachtungsweise mit sich bringt, überschaubar zu halten. Weiters wurde es für nötig gehalten, die ganze Lebensgeschichte der ehemaligen SchülerInnen einzubeziehen, da das, was die detailliere Sicht auf die Entwicklung nach dem Berufsfindungskurs zutage bringt, nicht nur aus dem Berufsfindungskurs selbst verständlich wird, sondern auch aus den davor liegenden Lebensabschnitten.
Daraus entstand schließlich eine von der Idee eines Klassentreffens getragene Seminarveranstaltung in drei zweitägigen Einheiten mit acht ehemalige SchülerInnen als TeilnehmerInnen. Kriterien für die Auswahl der TeilnehmerInnen waren folgende: Abschluss des Berufsfindungskurses Brixen vor mindestens 10 Jahren, unterschiedliche körperliche und geistige Voraussetzungen, ausgewogene Durchmischung der Gruppe mit Frauen und Männern.
Nicht einfach nur biographische Interviews zum Zweck der Datengewinnung standen auf dem Programm, sondern lebensgeschichtlichen Forschungs- und Bildungsarbeit, die Forschung wurde also so gestaltet, dass die ehemaligen SchülerInnen davon auch für ihre weitere Lebensplanung profitierten. Das Erzählen, Schreiben und Zeichnen der eigenen Lebensgeschichte wurde dabei weitgehend auf Video aufgezeichnet und zu einem Videofilm sowie zu den in diesem Band enthaltenen Texten weiterverarbeitet. Wesentlich für das Projekt "Auf der Spur" war auch das angewandte Gruppen-Setting. Die Eigenschaften und Dynamiken der Gruppe wirkten sich sehr förderlich auf den Forschungs- sowie auf den Bildungsaspekt aus.

Vom Thema zu den konkreten Fragen beim Interview

Die Vorbereitung der lebensgeschichtlichen Forschungs- und Bildungsarbeit bestand in einer aufbereitenden Arbeit am Anliegen des Projekts "Auf der Spur": Dem Sichtbarmachen der Entwicklung der ehemaligen SchülerInnen nach dem Abgang vom Berufsfindungskurs im Kontext der jeweiligen Lebensgeschichte und dem Anregen einer aktiven Auseinandersetzung der ehemaligen Schülerinnen mit ihrem bisherigen, heutigen und zukünftigen Leben. Aus diesem Thema wurden eingegrenzte Themenbereiche, sog. Subthemen, herausgearbeitet (Kindheit, Ursprungsfamilie, Behinderung, Schule, Arbeit, Beziehungen usw.). Um diese Subthemen aufzuschlüsseln, wurden Fragen auf einem noch recht abstrakten Niveau gestellt und in einem Fragenkatalog gesammelt.
Aus diesen wiederum wurden die sog. Reihumfragen formuliert, also die konkreten Fragen an die Gruppe der ehemaligen SchülerInnen, die diese reihum in Form von Erzählungen aus dem eigenen Leben beantworteten - aber nur, wenn sie sich dazu äußern wollten, es bestand kein Erzähl-Zwang. Diese an die ganze Gruppe der TeilnehmerInnen gerichteten Reihumfragen waren zwangsläufig eher allgemein gehalten. Um die Erzählung am Laufen zu halten und in die Richtung der Subthemen zu lenken waren immer wieder Zwischenfragen an den einzelnen Erzähler nötig, Zwischenfragen, die an die Informationen anknüpften, welche vorher noch nicht bekannt waren und unmittelbar aus der Erzählung stammten. Dieser Arbeitsschritt des Anpassens der abstrakten Forschungsfragen an den Erzähler durch für den Erzähler verständliche und in der jeweiligen Situation passenden konkreten Fragen wird als Operationalisierung bezeichnet.

Lebensgeschichtliches Gespräch

Es ist aufschlussreicher, wenn jemand über sein Leben nicht nur knappe Antworten auf eingegrenzte Fragen gibt, sondern auch Episoden und Geschichten erzählt oder wenigstens ausführliche Beschreibungen vornimmt. Ohne genügende Schilderung der Zusammenhänge wird den ZuhörerInnen bzw. LeserInnen eine noch so ergreifend vom Erzähler vorgebrachte Bewertung seiner Vergangenheit nie verständlich werden. Dabei braucht der Interviewer bei der lebensgeschichtlichen Forschungs- und Bildungsarbeit nicht so weit zu gehen wie beim sog. narrativen Interview, bei dem ein einzelner Erzähler einem Interviewer möglichst stundenlang ohne Unterbrechung erzählt und sich dabei quasi im Fluss der eigenen Erzählung verlieren soll. Es genügt, wenn das Interview genügend narrative, d.h. erzählende Anteile in Form von Episoden und Geschichten enthält. Ein solches auf die Lebensgeschichte gerichtetes Interview wird als lebensgeschichtliches Gespräch [2] bezeichnet. Erreicht wird dies durch eine Gesprächsführung, die mit sog. offenen Fragen arbeitet und ganz allgemein dafür sorgt, dass der/die ErzählerIn in einen Erzählfluss hineinkommt und in diesem Erzählfluss drinnen bleibt - jedenfalls so lange, bis er signalisiert, dass seine Erzählung über ein bestimmtes Ereignis nun zu Ende ist. Am Ende einer solchen narrativen Sequenz ist der richtige Moment, um den/die ErzählerIn ganz direkt nach Meinungen und Bewertungen zu fragen, sofern der/die Interviewte diese nicht schon eingelagert zwischen Beschreibungen und Geschichten kundgetan hat. Falls nötig, sollen auf das Detail zielende Fragen eine oberflächlich und allgemein gehaltene Erzählung vertiefen.

Biographisches Lernen

Was mit dem Erzählen von Geschichten und dem Bewerten der eigenen Vergangenheit (und manchmal auch im Kontrast von beidem) aufgedeckt wurde, kann nicht nur in der vorliegenden Publikation von den LeserInnen verstehend nachvollzogen werden, es wirkte zuerst schon in biographischen Bildungsprozessen [3] auf den Erzähler selbst. Dazu sei vorausgeschickt, dass es eine grundsätzliche Notwendigkeit eines jeden Menschen ist, sich im Laufe des Älterwerdens und im Fortschreiten der Lebensphasen immer wieder ein aktuelles Bild von sich zu machen. Nur dadurch ist eine dem Lebensalter gemäße Sicht der Dinge möglich (dies gilt besonders in Zeiten wie den heutigen mit ihrem vergleichsweise schnellen Wandel). Der Begriff Identität [4] bezeichnet dieses Bild von sich. Der Wandel der eigenen Identität, des Bildes von sich selbst, vollzieht sich oft nicht intendiert oder als solcher klar wahrgenommen, sondern quasi nebenbei in alltäglichen Situationen. Lebensgeschichtliche Forschungs- und Bildungsarbeit ist nun eine in Form einer Bildungsveranstaltung geplanten und strukturierten Art des biographischen Lernens. Im Laufe des Projekts "Auf der Spur" machten einige TeilnehmerInnen dann auch immer wieder Aussagen, die direkt auf stattgefundene Selbstreflexionsprozesse hinwiesen.
Das Projekt "Auf der Spur" baute aber nicht nur auf Selbstreflexionsprozesse, die durch das lebensgeschichtliche Gespräch ausgelöst werden, sondern regte vielfach auch direkt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben an. Die Methode der Zukunftsreise erlaubte dabei anhand von phantasierten Szenarien, die Wünsche und die Potentiale der TeilnehmerInnen aufzudecken. Die Form war dabei wiederum hauptsächlich die der Erzählung. Für einige TeilnehmerInnen wurde daraus schon evident, was sie als nächste Schritte in ihrem Leben anzugehen hatten, oder welche Optionen ihnen realistischerweise offen standen. Andere TeilnehmerInnen, denen noch zu Beginn des Projekts "Auf der Spur" das aktive Nachdenken über das eigene Leben und der Blick in die eigene Zukunft ungewohnt war, wurden so zum Ausprobieren dieser aktiven Haltung angeregt.

Interpretation ausgewählter Text-Ausschnitte durch die LeserInnen

Das Anliegen des Projekts "Auf der Spur" ist es, die Öffentlichkeit, d.h. den Betrachter des Videos und den LeserInnen der vorliegenden Publikation möglichst direkt mit den Aussagen der betroffenen Menschen mit Behinderung in Kontakt zu bringen. Der Arbeitsschritt der Auswertung der Forschungsdaten bestand deshalb hauptsächlich in der Auswahl von Video-Ausschnitten für den Videofilm und Text-Ausschnitte für die vorliegende Publikation aus den zweiundzwanzig Stunden umfassenden Videoaufzeichnungen. Die Textausschnitte wurden von den AutorInnen in geblockter Form wiedergegeben, beim Erzählen hingegen kamen die Beiträge wesentlich sprunghafter an die Oberfläche. Auf eine weitergehende Interpretation etwa durch das Aufzeigen von systematischen Zusammenhängen im Datenmaterial wurde verzichtet. Vielmehr sollen vor allem die BetrachterInnen des Videofilms und die LeserInnen der vorliegenden Publikation aus ihrem alltäglichen Vorverständnis heraus selbst die Interpreten der lebensgeschichtlichen Erzählungen sein. Jede/r LeserIn kann sich somit selbst ein authentisches Bild darüber machen, wie Menschen mit Behinderung in Südtirol in ihrem beruflichen, familiären, sozialen usw. Umfeld leben und welchen Einfluss dabei der Besuch des Berufsfindungskurses hat.


[1] "Die Berufsfindungskurse in Südtirol" Autonome Provinz Bozen, Abt.20, 1997
[2] siehe z.B.: Blaumeiser Heinz: Lebensgeschichtliche Gesprächsführung. Unveröffentlichte Texte zur Lehrveranstaltung "Lebensgeschichtliche Forschungs- und Bildungsarbeit" an der Universität Innsbruck, 1999.
[3] siehe z.B.: Alheit, Peter / Dausien Bettina: Bildung als "biographische Konstruktion"? Nichtintendierte Lernprozesse in der organisierten Erwachsenenbildung. In: Report. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung (Thema: Biographieforschung und biographisches Lernen). 1996, Nr. 37.
[4] siehe z.B.: Straub Jürgen: Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. In: Assmann Aleida, Friese Heidrun (Hrg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität 3. 1998.


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